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Rekonstruktion der ORIGINALFASSUNG
(Text von Martin Koerber; mit freundlicher Genehmigung der Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung)
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METROPOLIS ist populär, keine Retrospektive der klassischen deutschen Stummfilme, des Sciencefiction-Films, zur Filmarchitektur (die Reihe der möglichen Themen ließe sich fortsetzen) kommt ohne diesen Film aus. Viele haben einmal auf einer Leinwand etwas gesehen, was METROPOLIS hieß. Aber was können sie gesehen haben? Sicher nicht den 1924 von Thea von Harbou geschriebenen und 1925/26 von Fritz Lang realisierten Film, denn den gibt es seit April 1927 nicht mehr. |
| Was derzeit unter dem Titel METROPOLIS von verschiedenen Verleihern und Archiven angeboten wird, auf Videokassetten käuflich oder gelegentlich im Fernsehen zu sehen ist, sind Bearbeitungen, von Langs Film mal mehr und mal weniger weit entfernt. |
| Die festliche Premiere des Films war am 10. Januar 1927 im Berliner Ufa-Palast am Zoo, der Film war damals 4189 m lang, was bei einer (von uns heute nur zu vermutenden) Vorführgeschwindigkeit von 24 Bildern pro Sekunde einer Dauer von 153 Minuten entspricht. |
| Zum Film wurde eine Musik für großes Orchester von Gottfried Huppertz gespielt, deren Partitur und Klavierauszug wegen der darin enthaltenen zahlreichen Stichworte eine der besten Quellen für denjenigen darstellt, der sich über die Gestalt der Premierenfassung genauer informieren will. |
| Schon im Dezember 1926 hatte der Amerika-Repräsentant der Ufa, Frederick Wynne-Jones, METROPOLIS in die USA gebracht und der Paramount vorgeführt, die den Film dort verleihen sollte. Es wurde offenbar sofort beschlossen, den monumentalen Film für den amerikanischen Markt auf eine „normale” Kinolänge zurechtzustutzen. Der Theaterautor Channing Pollock bekam den Auftrag, diese Arbeit auszuführen. Die Veränderungen, die der Film durch seine Hand erfuhr, sind sehr einschneidend: Der Grundkonflikt zwischen Fredersen und Rotwang – ihre Rivalität um die gestorbene Hel – wurde vollständig aus dem Film entfernt, damit auch die Begründung für die Schaffung des Maschinenmenschen und letztlich für die Zerstörung von Metropolis. |
| Ebenfalls vollständig entfernt wurde die Verfolgung Freders, Georgys und Josaphats durch den Schmalen sowie ein großer Teil der im „Yoshiwara” spielenden Szenen. Weitere Kürzungen betrafen die ausgedehnten Verfolgungsjagden am Ende des Films. Um die Verständlichkeit des Ganzen nach diesen Kürzungen wiederherzustellen, wurde es notwendig, die Zwischentitel sehr stark umzuschreiben und die Montage der erhaltenen Szenen an einigen Stellen stark abzuändern. Nach allen Änderungen war die amerikanische Fassung noch circa 3100 m lang. Pollocks Fazit: „As it stood when I began my job of structural editing, METROPOLIS had no restraint or logic. It was symbolism run such riot that people who saw it couldn‘t tell what the picture was all about. I have given it my meaning.” |
| In Berlin wurde METROPOLIS nach einigen Wochen zurückgezogen, die Gründe dafür sind nicht restlos geklärt. Möglicherweise erschien jetzt auch hier die Überlänge des Films als Hindernis für den Verleih im weiteren Reichsgebiet. Am 7., 8. und 27. April 1927 beriet der Ufa-Vorstand über den Film und legte fest, „daß METROPOLIS in der amerikanischen Fassung unter Beseitigung der Betitelung mit kommunistischer Tendenz” auch in Deutschland zum Einsatz kommen sollte. Es ist bislang ungeklärt, ob Fritz Lang zur Bearbeitung der zweiten deutschen Fassung seines Films herangezogen wurde. Fest steht, daß der Film am 5. August 1927 weitgehend nach dem Vorbild der amerikanischen Fassung gekürzt und, mit entsprechend veränderten Zwischentiteln versehen, der Berliner Prüfstelle vorgelegt und, mit einer Länge von 3241 m freigegeben wurde. Nur in dieser und in den ähnlich gekürzten Fassungen, die von der Ufa in andere Länder exportiert wurden, ist der Film außerhalb von Berlin jemals gezeigt worden. |
| Über siebzig Jahre sind seit der Uraufführung und der fast unmittelbar darauf folgenden Zerstörung der Originalfassung von METROPOLIS vergangen. Der berühmte Film wurde zum fast ebenso berühmten Fall, seitdem die Filmarchive sich darum bemühen, aus den verstümmelten Fassungen, die erhalten geblieben sind, Kopien von METROPOLIS herzustellen, die „besser”, das heißt vollständiger sind als das, was die Ufa und die Paramount auf den Markt brachten. Die Geschichte dieser Bemühungen nachzuzeichnen ist schwierig, denn die vielen Fassungen von METROPOLIS sind bisher nicht präzise dokumentiert. Die am Film vorgenommenen Veränderungen wie die Versuche, diese rückgängig zu machen, sind bisher nur am Filmmaterial selbst abzulesen, durch den Vergleich der vielen verschiedenen Materialien, die in den Archiven lagern. Auf Initiative der Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung wurde nun erneut ein Rekonstruktionsversuch unternommen. Wieder wurde in den nun besser als früher zugänglichen und erschlossenen Archiven der Welt nach Zeugnissen zur Entstehung und Entstellung des Films gesucht, wurden die erhaltenen Filmmaterialien verglichen und studiert. Das Ergebnis soll hier überblicksartig dargestellt werden, obgleich es unmöglich ist, den Hunderten von METROPOLIS-Kopien nachzuforschen, die auf diesem Planeten vorhanden sind. Ich konzentriere mich hier vielmehr auf den Weg des Ausgangsmaterials, von dem alle diese Kopien auf die eine oder andere Weise abstammen. Die Reklameabteilung der Ufa prahlte in ihrer Propaganda für METROPOLIS mit dem angeblichen Verbrauch von 620 000 m Negativfilm sowie 1300 000 m Positivfilm. Im Verhältnis zur Uraufführungslänge von 4189 m ergäbe das ein Drehverhältnis von circa 148: 1 für das Negativ. Wären die Angaben zutreffend, könnte man folgern, daß aus diesem überreichlich bemessenen Material offenbar nicht nur keine Nichtkopierer ausgesondert, sondern davon auch ganz gegen jede Branchenüblichkeit mehr als die doppelte Menge Muster kopiert worden wären – nur so wäre die enorme Menge an Positivfilm zu erklären. Diese Zahlen sind also wenig plausibel, wenn auch in Übereinstimmung mit den Legenden über Fritz Lang, die ihn als sadistischen Dompteur seiner Darsteller und bedenkenlosen Materialverschwender zeichnen. Zeugen von Dreharbeiten Langs berichten übereinstimmend von seinen die Schauspieler erschöpfenden Wiederholungen. |
| Da in METROPOLIS die Hauptrollen mit Gustav Fröhlich und Brigitte Helm mit zwei unerfahrenen Eleven besetzt waren, scheint es glaubwürdig, daß exzessiv geprobt und auch viel gedreht wurde. Erich Kettelhut, ein eher nüchterner und Lang durchaus kritisch gegenüberstehender Chronist, konstatiert, daß dieser erst zufrieden war, „wenn mindestens drei der vielen Aufnahmen seinen Intentionen auch schauspielerisch vollkommen entsprachen”. Diese Beobachtung, die in Kettelhuts großem Bericht über die Arbeit an METROPOLIS eher beiläufig mitgeteilt wird, weist Lang als gewissenhaften Profi aus, der seinem Auftraggeber etwas abzuliefern hat: drei gute Takes jeder Einstellung. Wahrscheinlich ist, daß es von vornherein geplant war, aus den Aufnahmen zu METROPOLIS drei gleichwertige Originalnegative zu montieren: eins zur Herstellung der Kopien für den deutschen Markt, eins für die Exportabteilung und eins für die Ablieferung an die Paramount, die den Film in den USA verleihen sollte. Das 620000 m belichtete Negativ würden sich demnach auf drei daraus zu montierende Orginalnegative verteilen, was das Drehverhältnis auf immer noch exorbitante und unwahrscheinliche 49 : 1 reduziert. Zur damaligen Zeit war die parallele Herstellung von mehreren Negativen ein durchaus gebräuchliches Verfahren. Es gab noch keine guten Duplikatmaterialien, und nur wenn man mehrere Negative hatte, konnte man eine große Anzahl von Kopien ziehen oder Negative exportieren, von denen dann die im Ausland zuständigen Verleiher ihre Kopien ziehen konnten. Diese parallel gedrehten Originalnegative stammten aus mehreren Kameras, die man beim Drehen nebeneinander plazierte, oder wurden aus verschiedenen, im besten Fall schauspielerisch gleichwertigen, aber natürlich niemals ganz identischen Aufnahmen derselben Einstellung montiert. Bei der Rekonstruktion unvollständig überlieferter Filme ist es oft ein Glück, daß Filme auf diese Weise gleichsam mehrfach hergestellt wurden, denn die in einer Kopie verlorenen Szenen sind vielleicht in einer anderen erhalten geblieben. Andererseits sind die Mehrfachfassungen ein Fluch, denn die Varianten des Spiels, der Kameraposition, der Einstellungslänge und der Anschlüsse können große Probleme bei der Kombination der Materialien bereiten, und der Restaurator steht zusätzlich vor dem ethischen Dilemma, daß er einen Film kompiliert, den es so, wie er ihn aus den verschiedenen Fassungen neu zusammensetzt, nie gegeben hat. Wo sind nun die drei Originalnegative von METROPOLIS geblieben? Im März 1934 stellte die Ufa auf Anforderung der Reichsfilmkammer eine Liste der bei ihr noch im Filmarchiv Tempelhof lagernden Negative stummer Spielfilme zusammen. Unter den 480 dort genannten Titeln befindet sich nur ein Negativ von METROPOLIS, das mit einer Länge von 2589 m (gemessen ohne Zwischentitel) auf neun Rollen angegeben wird. Schon an der Länge läßt sich ablesen, daß es sich hierbei nicht um das Originalnegativ der Originalfassung von METROPOLIS handeln kann, denn die war mit 4189 m erheblich länger. Bestenfalls entspricht dieses Negativ also der zweiten deutschen Fassung, die die Ufa im Sommer 1927 mit einer Länge von 3241 m (gemessen mit Zwischentiteln) herausbrachte, nachdem sie den Film nach dem Vorbild der Bearbeitung der Paramount gekürzt hatte. Wahrscheinlich wurde dieses Negativ am Ende des Zweiten Weltkriegs mit anderen Materialien der Ufa so verlagert, daß es nach dem Krieg im Verfügungsbereich der sich in den Westzonen reorganisierenden Ufa wieder auftauchte. Nach dem Zusammenbruch der Nachkriegs-Ufa wurde es an die Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung abgegeben. 1988 wurde ein Rest von 5 Rollen umkopiert. Erhalten ist jedoch ein Dupnegativ der zweiten deutschen Fassung, das zur Grundlage der meisten Kopien wurde, die in den westlichen Ländern im Umlauf sind. Im Sommer 1936 kam Iris Barry, die Gründerin des Filmarchivs im Museum of Modern Art (MoMA) nach Berlin, um hier Kopien klassischer deutscher Filme für die Filmsammlung des Museums zu erwerben. Neben anderen Filmen erhielt sie von der Ufa eine Kopie von METROPOLIS. Wie der Vergleich mit den fünf in Wiesbaden umkopierten Rollen zeigt, stammte diese Kopie von dem bei der Ufa gelagerten Originalnegativ ab. Die an das MoMA abgegebene Nitrokopie ist nicht erhalten, wohl aber ein 1937 in New York von ihr gezogenes Dupnegativ, das 1947 noch einmal mit Klammerteilen von der damals noch erhaltenen Vorlage ergänzt werden konnte, nachdem es beschädigt oder aus anderen Gründen teilweise unbrauchbar geworden war. |
| Seit 1986 ist dieses Dupnegativ im Besitz des Münchner Filmmuseums. Gegenüber der 1934 von der Ufa gemessenen Länge von 2589 m (ohne Zwischentitel) sind weitere Verluste zu verzeichnen: das Dupnegativ mißt nur noch 2532 m (mit Zwischentiteln) auf neun Rollen. Aus dem Reichsfilmarchiv ins Staatliche Filmarchiv der DDR und nunmehr ins Bundesarchiv-Filmarchiv überliefert wurde ein anderes Originalnegativ des Films, das 1934 nicht auf der Ufa-Liste auftaucht. Möglicherweise war es damals noch nicht wieder im Besitz der Ufa, denn hierbei handelt es sich um das Originalnegativ der Paramount, das 1926/27 nach Amerika gegangen und dort bearbeitet worden war. Wahrscheinlich ist es nach Lizenzablauf, jedenfalls wohl nach 1936, an die Ufa zurückgegeben und von dieser an das Reichsfilmarchiv abgegeben worden. Das Material hat eine Länge von 2337 m (mit amerikanischen Zwischentiteln) auf acht Rollen und entspricht damit in seiner heutigen Gestalt einer zweiten, nochmals gekürzten Paramount-Fassung. Ebenfalls über das Staatliche Filmarchiv der DDR ist ein ergänzendes Originalnegativ-Fragment ins Bundesarchiv-Filmarchiv gelangt, das gleichfalls zur Paramount-Fassung gehört und die in der zweiten Fassung der Paramount entfernten Szenen und Fragmente der nicht entfernten, aber gekürzten Einstellungen enthält. Die spektakuläre Länge dieses Materials (1952 m auf zehn Rollen), das als Kriegsbeute 1945 nach Moskau ging und erst 1971 vom sowjetischen Filmarchiv Gosfilmofond nach Berlin zurückgegeben wurde, bedeutet leider nicht, daß darin die in allen anderen Fassungen verlorenen Szenen der deutschen Premierenfassung aufzufinden wären. Vielmehr kommt die Länge dadurch zustande, daß das Material auch eine große Zahl von Varianten und Nichtkopierern für die Paramount-Zwischentitel umfaßt sowie Ausgangsmaterial für verschiedene Trickszenen, die im fertigen Film als Doppelbelichtung zusammenkopiert werden müssen. |
| Von dem dritten Originalnegativ, dem der Ufa-Auslandsabteilung, hat sich bisher keine Spur finden lassen. Gleichwohl sind Kopien von diesem Negativ erhalten, die 1927/28 in verschiedene Länder exportiert wurden. Im National Film and Television Archive in London lagert eine Nitrokopie der britischen Verleihfassung mit einer Länge von 2603 m. Hier sind Szenen erhalten, die in der deutschen Fassung des MoMA wie auch in der Paramount-Fassung fehlen, dafür wieder andere gekürzt. Die englischen Zwischentitel weichen gelegentlich von den von Channing Pollock geschriebenen neuen Texten ab. Das George Eastman House in Rochester übernahm vor einigen Jahren die vorher im National Film and Sound Archive in Canberra verwahrte Nitrokopie der von der englischen in Montage und Texten wiederum leicht abweichenden australischen Verleihfassung, die aus der Privatsammlung von Harry Davidson stammt. Diese Kopie ist von besonderem Interesse, da sie durchgängig viragiert, also eingefärbt ist. Weitere, nur noch fragmentarisch erhaltene Nitrokopien der Auslandsfassung, die teilweise in anderen Farben als die australische Fassung viragiert sind, befinden sich in der Fondazione Cineteca Italiana in Mailand: 1899 m, 482 m und 190 m lang, jeweils mit italienischen, aufwendig gestalteten und vom Sinn der deutschen erheblich abweichenden Zwischentiteln. Soweit feststellbar, stammen alle im Umlauf befindlichenKopien von METROPOLIS – rekonstruiert oder nicht – von den oben beschriebenen Materialien ab, wenn auch zum Teil über eine große Zahl von Zwischenstufen, die die fotografische Qualität so mancher Fassung eher als Karikatur denn als Wiedergabe des Originals erscheinen lassen. Die 1927 von der Paramount und dann von der Ufa aus dem Film entfernten Szenen sind bisher nicht wiedergefunden worden, und angesichts der jahrzehntelangen Bemühungen der Archive um diesen Film ist es nicht sehr wahrscheinlich, daß sie noch irgendwo verborgen existieren. Das bedeutet, daß ein Viertel des Films, darin enthalten der Kern der von Harbou und Lang konzipierten Geschichte, als unrettbar verloren angesehen werden muß. Ungeachtet dessen haben Archive seit Jahrzehnten ihre Kopien von METROPOLIS gezeigt und, wenn möglich, daran gearbeitet, bessere Fassungen herzustellen. |
| Am weitesten verbreitet ist wohl die Fassung des Museum of Modern Art, die 1937 dadurch entstand, daß die Zwischentitel der zweiten deutschen Fassung, die sich in dem von der Ufa erhaltenen Material befanden, durch Übersetzungen ins Englische ersetzt wurden. Diese standen natürlich der deutschen Fassung näher als die von Channing Pollock geschriebenen Titel der Paramount-Fassung, in der sogar Rollennamen verändert worden waren: so wurde aus Joh Fredersen bei Pollock John Masterman, sein Sohn Freder erhielt den Namen Eric, Josaphat wurde zu Joseph. In der MoMA-Fassung haben die handelnden Personen wieder (oder vielmehr: noch) ihre richtigen Namen. Schon 1938 wurde die MoMA-Fassung für die National Film Library in London gedoubelt, und von dort aus hat sie sich weiter verbreitet, so zum Beispiel in die Sammlungen der Cinémathèque Française, der Cinémathèque Suisse und der Cinémathèque Royale in Brüssel. Auch die in West-Deutschland seit den sechziger Jahren verliehenen, mit verschiedenen Musiken unterlegten Fassungen gehen auf das Londoner Dupnegativ zurück. Ebenfalls in den sechziger Jahren kam die Paramount-Fassung wieder zum Vorschein. Von Berlin aus, wo das gekürzte Paramount-Negativ des Reichsfilmarchivs vom Staatlichen Filmarchiv der DDR kopiert und zugänglich gemacht wurde, gelangte sie in verschiedene andere Archive und wurde dort gezeigt. Gosfilmofond in Moskau und das Ceskoslovensky Filmowy Archiv in Prag erarbeiteten zusammen eine verbesserte Paramount-Fassung, die immerhin wieder 2816 m erreichte und damit vollständiger war als das in Berlin bekannte Material, aber immer noch kürzer als die von Pollock 1927 geschnittene Version. Im Staatlichen Filmarchiv der DDR gelang es Eckart Jahnke in den Jahren 1969 bis 1972, aus verschiedenen Materialien, die andere Archive zur Verfügung stellten, die sogenannte FIAF-Fassung herzustellen, die einen wichtigen Schritt in Richtung auf eine vollständigere Fassung von METROPOLIS darstellte, aber dennoch unbefriedigend blieb: So konnten viele der im Material verborgenen Rätsel damals deshalb nicht gelöst werden, weil das Drehbuch und die Zensurkarte noch nicht wiedergefunden waren und auch die Musik, aus der die wichtigsten Hinweise auf die Schnittfolge und die fehlenden Szenen hätten entnommen werden können, nicht herangezogen werden konnte. |
| Die englischen Zwischentitel wurden so belassen, wie sie in den verschiedenen benutzten Kopien zu finden waren, und so wechseln die Rollennamen innerhalb des Films mehrmals. Aufgrund der schlechten Quellenlage erlag Jahnke bei seiner Arbeit einigen folgenschweren Fehlschlüssen, so hielt er zum Beispiel die vergleichsweise lakonischen Zwischentitel der MoMA-Fassung für weiter vom Harbouschen Stil entfernt als die blumigen Texte, die Pollock in die Paramount-Fassung hineinredigiert hatte – heute wissen wir, daß es gerade umgekehrt richtig gewesen wäre. Nach dem Studium der ihm zur Verfügung stehenden Materialien schlug Jahnke vor, die FIAF-Fassung auf die von ihm so genannte „Londoner Kopie“ zu basieren, in die fehlende Einstellungen soweit als möglich aus den anderen Fassungen einzusetzen waren. Unklar bleibt in seinem Bericht, was unter diesem Begriff eigentlich zu verstehen war, denn er hatte aus London sowohl ein Dupnegativ der MoMA-Fassung wie auch ein Dupnegativ der englischen Verleihfassung erhalten. |
| Aus den erhaltenen Notizen zur „Londoner Kopie” wird jedoch deutlich, daß es sich dabei um die MoMA-Fassung gehandelt haben muß. Zwar hatte das MoMA dem Staatlichen Filmarchiv sein Dupnegativ von 1937 angeboten, doch wurde nicht erkannt, daß dieses Material zwei Generationen besser gewesen wäre als das aus London bezogene. Somit blieb auch die FIAF-Fassung – neben all ihren anderen Mängeln – fotografisch sehr unbefriedigend. Aus heutiger Sicht ist es unverständlich, warum nicht der Versuch unternommen wurde, aus dem fotografisch ausgezeichneten und im Archiv zur Verfügung stehenden Originalnegativ der Paramount-Fassung eine neue Fassung zu gewinnen, die nach dem Vorbild der als richtig erkannten Versionen hätte umgeschnitten werden können. Hierfür kann als eine wichtige Ursache ein Brief von Fritz Lang angenommen werden. „Sie haben völlig recht, daß Sie die Londoner Fassung (d.h. also die MoMA-Fassung, MK) als Grundlage Ihrer Rekonstruktion genommen haben”, schrieb Lang im Januar 1971 an das Archiv und bezeichnet die Paramount-Fassung als ein Beispiel dafür, „wie gedankenlos und diktatorisch Verleihorganisationen in Amerika in den zwanziger Jahren europäische Filme behandelt haben”. |
| Die Autorität des Regisseurs konnte offenbar auch dadurch nicht erschüttert werden, daß Lang in seinem Schreiben bekennt, daß es ihm „unmöglich (sei), Ihnen aus der Erinnerung irgend etwas zu sagen, was Ihnen bei Ihrer Arbeit helfen könnte”, und dann eine falsche Spur legt: „Nach dem Fall von Berlin sind angeblich alle Kopien meiner Filme, die in einer Kopieranstalt lagerten, von den Russen beschlagnahmt worden. Unter diesen Filmen befand sich auch eine komplette Kopie von METROPOLIS. Vorführungsdauer 2 Stunden 4 Minuten.” Diese Vorführungsdauer entspricht der zweiten deutschen Fassung (3241 m, allerdings bei 23 B/ sec), in der alle die „gedankenlosen und diktatorischen” Kürzungen des amerikanischen Verleihs nachvollzogen worden waren, und doch nennt Lang diese Fassung „komplett”. Konnte er sich wirklich nicht daran erinnern, daß sein Film ursprünglich einmal eine Stunde und fast 1000 Meter länger war, oder ist diese Angabe ein versteckter Hinweis darauf, daß auch die zweite Fassung – aus welchen Gründen und unter welchen Pressionen auch immer – von Lang hergestellt oder abgenommen wurde? Der Arbeit von Enno Patalas im Münchner Filmmuseum ist ein weiterer Rekonstruktionsversuch an METROPOLIS zu danken, der in den achtziger Jahren vorgenommen wurde und deutlich näher an die Originalfassung des Films herankam, da Patalas – anders als noch Jahnke in der DDR – viele inzwischen aufgefundene Quellen nutzen konnte, die genaueren Aufschluß über die verlorene Premierenfassung gaben: Zensurkarte, Drehbuch und Musik. Nach jahrelangen Vorarbeiten mit ungenügendem Filmmaterial und intensiven internationalen Recherchen wurde in München 1986/87 auf Basis des vom Museum of Modern Art übernommenen Nitrodupnegativs von 1937 eine Arbeitskopie montiert, in die fehlende Szenen aus allen verfügbaren anderen Fassungen eingesetzt wurden. Hinzu kamen nach der Zensurkarte textgetreu neu aufgenommene deutsche Zwischentitel. Diese Fassung hat eine Länge von 3153 m und ist damit immer noch kürzer als die zweite deutsche Fassung von 1927. Jedoch sind die fehlenden Stellen, soweit zum Verständnis des Übriggebliebenen notwendig, durch Texte und an einigen Stellen durch Standphotos ergänzt, und die Montage der Premierenfassung ist soweit als möglich wiederhergestellt. Die Kopie wurde weltweit mit großem Erfolg präsentiert, oft mit der von Berndt Heller neu eingerichteten Musik von Gottfried Huppertz. |
| Die Neufassung der Rekonstruktion, die wir nun seit 1998 erarbeitet haben, orientiert sich in ihrer Konzeption notwendigerweise an der Münchner Fassung, soweit es die Schnittfolge, die Platzierung der Zwischentitel und so weiter betrifft. Allerdings haben wir nach eingehenden Materialvergleichen beschlossen, die Bilder des Films soweit als irgend möglich aus dem erhaltenen Originalnegativ der Paramount-Fassung zu übernehmen. Ergänzungen wurden nach Möglichkeit direkt von den erhaltenen Nitrokopien erster Generation umkopiert. Ein Grund für die Neubearbeitung ist die überragende fotografische Qualität, die bei diesem Vorgehen zu erwarten war und die zum ersten Mal seit Jahrzehnten die Arbeit der Kameraleute Karl Freund und Günther Rittau wieder wirklich sichtbar werden läßt. Ein weiterer Grund ist nicht technischer, sondern philologischer Natur: Wir nehmen inzwischen an, daß das in den dreißiger Jahren bei der Ufa noch vorhandene Originalnegativ kein Negativ erster Wahl war und damit die erhaltenen Umkopierungen dieses Negativs, die sowohl die Grundlage der FIAF-Fassung wie auch der Münchner Fassung bildeten, von weniger großem Wert sind als bisher angenommen. Im direkten Vergleich mit dem Paramount-Material zeigt sich deutlich, daß im Ufa-Negativ sehr viele Szenen schon nicht mehr aus Kameramaterial, sondern aus Dupnegativen eingeschnitten waren. Anschlüsse sind oft nicht glücklich, die Schauspieler bleiben in ihrem Spiel gelegentlich weit hinter der Leistung zurück, die sie im Paramount-Negativ zeigen. All dies sind Indizien dafür, daß dieses Originalnegativ wahrscheinlich nicht das Originalnegativ der deutschen (wenn auch veränderten) Fassung war, sondern ein Ersatz, der nach dem Verschleißen des ursprünglich aus den besten Aufnahmen zusammengestellten Originalnegativs, aus hiervon gezogenen Duplikaten und anderen, vorher ausgemusterten Aufnahmen zusammengestellt wurde. Bei dem Originalnegativ der Paramount-Fassung, das schon 1926/27 Berlin verließ und in Amerika gekürzt und umgeschnitten wurde, kann man dagegen mit Sicherheit davon ausgehen, daß die darin erhaltenen Takes von Lang ausgewählt sind. Es dürfte ausgeschlossen sein, daß für diese Fassung, mit der die Ufa auf dem internationalen Markt mit ihrem teuersten und größten Film reüssieren wollte, minderwertiges Material verwendet worden wäre. Der neue Arbeitsansatz bedeutete jedoch auch, daß der Film ein weiteres Mal völlig neu montiert werden mußte. Die eingangs beschriebenen Schwierigkeiten, die die Montage verschiedener und sich teilweise widersprechender Materialien mit sich bringt, waren dabei nicht zu umgehen. Und auch dieses Mal konnte nicht die Originalfassung von METROPOLIS entstehen, sondern „nur” eine synthetische Fassung aus den Bruchstücken, die überliefert sind. Einzigartig an der Neubearbeitung des Films ist auch das technische Verfahren, das für die Umkopierung gewählt wurde. Statt auf fotografischen Wege ein Dupnegativ herzustellen, wurde das erhaltene Nitromaterial in 2K-Auflösung eingescannt und anschließend im Computer digital bearbeitet, wobei Beschädigungen wie Schrammen, Schmutz, Schichtverletzungen, Risse, aber auch Dichteschwankungen und Bildstandsfehler viel genauer retuschiert werden konnten, als das auf konventionellem Wege möglich gewesen wäre. Anschließend wurde ein Negativ auf Film ausbelichtet mit dem entscheidenden Vorteil, daß dieses neue Negativ gegenüber dem Original keinen Generationsverlust mehr aufweist, d.h., daß die davon gezogenen Kopien im Idealfall wieder so aussehen können wie ein 1927 direkt vom damals fabrikneuen Negativ gezogenes Positiv. |
| Martin Koerber |
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